In unsern Tagen, wo so allgemein über den Mangel an Geld geklagt wird, muessen es Geldarme mit doppeltem Dank erkennen, wenn man ihnen ein Mittel anzeigt, wie sie ihre Muenzen rekrutiren koennen. Ich will sie mit dem aechten Geheimnis bekannt machen, Geld zu fangen; mit dem sichersten Wege, ihre Taschen zu fuellen und sie immer voll zu ehalten. Zwei einfache Regeln, genau befolgt, machen die ganze Kunst aus:
Erstlich: waehle Rechtschaffenheit und Thaetigkeit zu deinen bestaendigen Gefaehrten; und
Zweitens: gib einen Schilling weniger aus, als dein reiner Gewinn betraegt.
Dann wird dein eingeschrumpfter Beutel nach und nach aufquillen und nie wieder ueber Auszehrung klagen. Kein Glaeubiger wird dich draengen, kein Mangel druecken, kein Hunger nagen, keine Bloesze erstarren. Der ganze Himmel wird helle über dir leuchten und Freude in jedem Winkel deines Herzens aufkeimen.
So befolge nun diese Regeln und werde gluecklich. Banne die bleichen Gespenster der Sorgen aus deiner Seele und lebe unabhaengig. Dann wirst du ein Mann sein und wenn ein Reicher sich naht, wirst du dein Angesicht nicht verbergen, noch den Schmerz haben, klein zu scheinen, wenn die Soehne des Gluecks zu deiner Rechten prangen Denn Unabhaengigkeit auch bei geringer Habe ist Reichthum und
stellt dich in gleiche Reihe mit dem stolzesten Ritter.
O, so sei denn weise und lasz Thaetigkeit am Morgen mit dir ausgehn und dich begleiten bis die Abendglocke zur Ruhe laeutet. Laß Rechtschaffenheit wie den Atem deiner Seele sein; und vergisz nie, einen Schilling üuebrig zu haben, wenn all deine Ausgaben berechnet und bezahlt sind.
Dann wirst du den Gipfel irdischer Glueckseligkeit erreichen und Unabhängigkeit wird dein Schild und dein Harnisch, dein Helm und deine Krone sein; dann wird deine Seele aufrecht gehn und sich nicht vor dem Schurken in Seide buecken, weil er Schaetze besitzt.
Lucca Patiolus ( Vater der Buchfuehrung) 16. Jahrhundert